Warum du Aufgaben nicht in Stunden schätzen solltest.

„Das dauert etwa 2 Stunden.“

Klingt präzise. Ist es aber fast nie. Deine Zeitschätzungen sind systematisch daneben – und das hat nichts mit fehlender Erfahrung zu tun, sondern mit der Natur von Arbeit selbst.

Warum Zeit so schwer planbar ist

Wenn du eine Aufgabe einschätzt, gehst du vom Idealfall aus: keine Störungen, klarer Ablauf, keine Überraschungen. Die Realität sieht anders aus. Unterbrechungen reißen dich aus dem Fokus, Komplexität zeigt sich erst während der Umsetzung und unbekannte Probleme tauchen genau dann auf, wenn du sie am wenigsten brauchst.

Zeit ist keine stabile Maßeinheit für Arbeit. Sie schwankt – je nach Kontext, Energielevel und wie oft das Telefon klingelt.

Ein realistischer Blick aus der Praxis

Gerade in der Softwareentwicklung zeigt sich das besonders deutlich. Du planst eine Aufgabe mit 2 Stunden. Dann kommt ein unerwarteter Bug, eine Abhängigkeit funktioniert nicht und ein Detail muss komplett neu gedacht werden. Aus 2 Stunden wird ein halber Tag.

Nicht ohne Grund gibt es die ironische Faustregel: Schätze, addiere 20 Prozent – und multipliziere dann mit 3. Übertrieben? Vielleicht. Aber oft näher an der Realität als die ursprüngliche Schätzung.

Und das betrifft nicht nur Software. Ob Renovierung, Steuererklärung oder „kurz den Keller aufräumen“ – der Idealfall bleibt meistens genau das: ein Ideal.

Das eigentliche Problem

Exakte Zeitangaben suggerieren Kontrolle, die du nicht hast. Du misst etwas, das sich nicht stabil messen lässt. Das Ergebnis: falsche Erwartungen, unnötiger Druck und Frustration, sobald die Realität von der Schätzung abweicht. Und sie weicht fast immer ab.

Der bessere Ansatz: T-Shirt-Größen

Statt Zeit in Stunden zu pressen, arbeite mit relativen Größen: S für schnell erledigt, M für überschaubar, L für größer und fokusintensiv, XL für zu groß – muss aufgeteilt werden.

Der entscheidende Vorteil: Du denkst in Umfang, nicht in der Illusion von Zeit. Und du erkennst sofort, wenn etwas zu groß geworden ist.

Die wichtigste Regel dabei

Keine Aufgabe darf größer als L sein. Warum? Weil große Aufgaben schwer planbar sind, gerne aufgeschoben werden und mentale Blockaden erzeugen. Du starrst auf den Berg und weißt nicht, wo du anfangen sollst.

Die Lösung ist einfach: Zerlege es. „Neue Website erstellen“ ist ein klarer XL-Brocken. Aufgeteilt wird daraus: Idee skizzieren, technische Basis schaffen, Struktur definieren, Inhalte schreiben, Design umsetzen, technisch bauen. Plötzlich wird aus einem diffusen Großprojekt ein klarer Arbeitsfluss – und jeder einzelne Schritt ist machbar.

Weniger schätzen. Mehr umsetzen.

Am Ende verschiebt sich die entscheidende Frage: Weg von „Wie lange dauert das?“ – hin zu „Was ist der nächste sinnvolle Schritt?“ Und genau das bringt dich schneller voran. Denn es zählt nicht, wie gut du geschätzt hast – sondern wie konsequent du umsetzt.

heidenreich do!